Erstmals in der Geschichte der deutschen
Demokratie gibt es eine Mehrheit - wie Willy Brandt es einmal ausgedrückt hat - diesseits von Union und F.D.P. bzw. ihren bürgerlichen Vorgängerparteien in der Weimarer Republik.Nach einem Fast-Patt
bei der Bundestagswahl 1994, das nur wegen des Überschusses der Überhangmandate bei der CDU nochmal zu einer knappen regierungsfähigen Mehrheit der bürgerlichen Parteien gereicht hatte, ist das Pendel weit nach
links - wie immer man das definiert - ausgeschlagen. Aus einem knappen Vorsprung von 145.000 Stimmen für Union und F.D.P. wurde ein großer Vorsprung der Linken insgesamt von 5,6 Millionen Stimmen. Vergleicht man
nur Rot-Grün mit dem alten Regierungsbündnis, so ist der Stimmenvorsprung immer noch 2,2 Millionen - also 15 mal größer als der der alten Regierung. Dieser Vorsprung ist noch höher einzuschätzen, da für alle
Fälle noch die PDS in Reserve steht. Sogar die SPD allein liegt nur 231.000 Stimmen hinter Union plus F.D.P.. Da nur die SPD Überhangmandate gewonnen hat, ist die Kombination rot-grün relativ komfortabel
regierungsfähig.
Es erweist sich, daß die Angliederung der DDR nun doch noch mit einer Zeitverzögerung von acht Jahren eine Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach links bewirkt hat.
Erstaunlich ist, daß diese Lage eingetreten ist, obwohl die F.D.P. derzeit noch als altbundesrepublikanische Regionalpartei weiterlebt. Auch Bündnis 90/DIE GRÜNEN ist eine altbundesrepublikanische
Regionalpartei, so wie die PDS eine altddrianische Regionalpartei ist. Wie schon immer bildet die CSU als bayrische Regionalpartei einen bemerkenswerten farbigen Tupfer in der politischen Landschaft.
Die Mehrheitsverhältnisse zwischen den "Lagern" ist das Ergebnis eines Wahlkampfdiskurses, in dem die SPD gegen den Widerstand der Altregierungsparteien hat durchsetzen können, daß er mehrheitlich nicht
als Lagerwahlkampf empfunden wurde. Diese Grundstimmung fand ihren Ausdruck in dem von der größten Gruppe der Wähler gewünschten sog. Großen Koalition.
Fazit: Die "Linke" hat sich diese
große Mehrheit gleichsam erschlichen, obwohl die CDU/CSU lauthals "Haltet den Dieb!" gerufen hat.
Der Wahlkampf war nicht progammatisch angelegt. Die beiden (drei?) bürgerlichen Parteien
setzten ihre Linie der Verschleierung ihres Konzepts der Anpassung an Globalisierungsprozesse durch Umverteilung von unten nach oben fort. Die SPD vermied allzu dezidierte Aussagen für eine neue Politik
einerseits, um nach der Wahl Handlungsfreiheit zu haben, und anderseits, weil es dem strategischen Ziel der Eroberung der Mitte geschadet hätte, das Sicherheitsbedürfnis weiter Kreise unbefriedigt zu lassen. Die
programmatische Vagheit griff auch auf Bündnis 90/DIE GRÜNEN über, nachdem die Medienreaktion auf ihre 5-DM-je-Liter-Benzin-Forderung ihnen klargemacht hatte, wie nah sie noch dem Abgrund der 5%-Grenze sind. Für
die PDS ging es in erster Linie um den Erhalt und den Ausbau der Unterstützung aus dem früheren SED-Milieu, arrondiert durch Stimmen von jungen linken Wählerinnen und Wählern, denen SPD und Bündnis 90/DIE GRÜNEN
zu altbacken erschienen.
Der vielleicht wichtigste Aspekt, der die Interpretation ausschließt, das Wählervotum sei ein bewußter Links-Ruck gewesen, ist das weitverbreitete Bewußtsein, der ewige
Kanzler sei jetzt für eine Abwahl einfach überfällig - "Der Krug geht solange zum Brunnen bis er bricht!". Durch die Entscheidung der F.D.P., noch einmal für Kohl anzutreten, war den Wählern eine andere
Form der Abwahl unmöglich gemacht worden - dies ist der Unterschied zu der letzten Adenauer-Wahl 1961.
In diesem Rahmen bleibt es unklar, inwieweit die neue "linke" Mehrheit auch dadurch
bedingt ist, daß SPD und Bündnis 90/DIE GRÜNEN als Parteien nach rechts gerückt sind. Selbst wenn sie diese Bewegung aus Überzeugung oder aus taktischen Erwägungen ausgeführt hätten, hieße dies nicht unbedingt,
daß sie in dieser Ausrichtung verharren müßten. Zwar tendieren Regierungsparteien eher dazu, eine "rechtere" Politik zu machen, als in den Oppositionsjahren verkündet, aber es ist als politische
Möglichkeit denkbar, daß beide Regierungsparteien sich im Laufe der Zeit wieder nach links bewegen. Aus Überlebensinteresse müßte das mit dem Versuch gekoppelt sein, gewissermaßen die Mehrheit mitzuziehen.
Es ist diese Möglichkeit, die Gestaltungschancen eröffnet und die jetzige Situation spannend macht.
Mir scheint es wünschenswert, in einer ersten Koalitionsvereinbarung nicht allzusehr ins Detail zu
gehen oder Abläufe für zu lange zukünftige Zeiträume zu weitgehend zu programmieren. Eine gewisse verbleibende Offenheit ermöglicht Diskurse über die Zukunft dieser Republik, die unter der Dunstglocke mit dem
Namen Kohlära unmöglich waren.
Ob die Bundestagswahl 1998 eine Niederlage der Demokratie war oder sich in einen Sieg der Kultur demokratischer Diskurse verwandeln läßt, hängt davon ab, ob die politische
Klasse sich zum Lamentieren zurückzieht oder die neue Chance beim Schopf ergreift.