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Gedichte

Von Südost her ein Silberschild

 Von Südost her ein Silberschild
Im Herbstlaub fächelt leicht der Wind
Ins Herz scheint Sonne, oh wie mild
Die Zeilen schreiben sich geschwind.

 Kein Vogel singt mehr im Oktober
Da piepts und zwitschert nur noch leis’
Die Ernte lagert schon im Schober
Die letzte Weinles’ schließt den Kreis.

Neblig versank uns gestern noch die Welt
Der Blick erreicht’ das andre Ufer nicht
Heut spannt sich makellos das Himmelszelt
Und ohne Grenzen ist die Sicht.

 Hier dichte ich in Drostes Geist
Ich sitz wohl überm Bodensee
Bin kurend in dies Land gereist
Erhol mich heut vom Muskelweh.

Bei Tisch, da geht’s um Ost und West
Um Internet und weite Reisen
Frau Greiner will kaum heim ins Nest
Wird diese Tag’ noch lange preisen.

Das Silberschild, das blendet mich
Schließ’ dabei meine Augen gern
Versenk mich in mein tiefstes Ich
Und fliege träumend in die Fern’.

Überlingen, im November 1999

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London Blues ’99

Paddy Hotel, enge Bude – warmes Nest für’n Mittagsschlaf.
Kensi Garden, weiter Park, graue Hörnchen, Raben, Kopf wird freier.
Picci Cirkus, Magnet für Kiddies und Gestrandete, machst wirr.
Leicester Square, Musikmeile mit Bänken und Dichterköpfen.
Soho Porno Höhle, Kunst und Schmutz und schmutzige Kunst, machst schal im Mund.
London China Town, ich freß mich voll, Szechuan – Heimat Mao Zedongs.
Blues Bar, Kingley Street off Regent, Carnaby and Oxford Circus.
Ich sing den Blues mit ’nem Irish Stout und dicht mir eins auf dem Essensbonblock.

Bernie ist, aber er hat sich nicht, was wird mit ihm und seinen planets?
Wer steht da auf dem Schlauch, wer dreht das Wasser ab?
Stups weg den tumben Tor, jag davon das schwarze Schwein.
Lachen muß her und Lust und Spaß und Leichtigkeit des Seins.
Heute (7.10.99) ist Tag der Dichtkunst im Vereinigten Königreich.
Fetzen von Gedichten jagen durch die Gassen und über die Dächer dahin.

Saxophon, Gitarrensolo, es klimpert ein Piano, die Bläsergruppe swingt.
Klassischer Rock ’n Roll, der Rhythmus geht in die Beine und ins Brustbein.
Ich wackel mit dem Kopf, der Stift geht flüssig mit der Schrift.
Achtzehn Strophen London Blues sind over now,
am Tag der Dichtkunst: die Sicht ist blau.

(geschrieben in in London in der Blues Bar am 7.10.99 auf den gelben Blättern eine Essensbonblocks)

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Ich treibe im Sand der Zeit

Ich treibe im Sand der Zeit
Versuche den Kopf oben zu halten
Findling oder Reste einer Sandburg
Kein Stein sieht sich selbst
Den Horizont bestimmt der Rand der Düne
Was ewig scheint, ist schnell verweht
Das Vergängliche ist von Dauer.

Ich treibe im Fluß der Zeit
Das Wasser trägt mich und ist doch trügerisch
Wurzelstock oder Schaumkrone
Holz hat kein Bewußtsein von sich selbst
Hinter der nächsten Biegung liegt die Zukunft
Das weiche Wasser besiegt den Stein
Der Inhalt bestimmt die Form.

Ich treibe in den Maßeinheiten der Zeit
Keine Stunde, keine Minute ist gleich lang
Mensch oder Figur fremder Spieler
Ich bin, aber ich habe mich nicht
Darum werden wir
Ich finde Stücke von mir selbst
Was ich erkannt habe, bleibt.

Bonn, irgendwann zwischen 1990 und 1996

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Zwölf Libellen

 Zwölf Libellen kreisen zwischen mir und der Unendlichkeit
Und die Linde rauscht
Es verklingt in mir das Lied der Heimatliebe
Von soviel zauberhaften Bildern einer Stadt redet
Apollinarija, die Dichterin aus K'grad, dem Berg des böhmischen Königs

Für Apollinarija Zueva

Wolgastsee, den 29. August 1996

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Trostlied

Silbern glitzert der Morgen
Die Nacht war finster im Herzen
Heilendes Rauschen des Meeres
O kühles Windchen blas meinen Unmut fort

Silhouette hinter Silhouette
Vergangenheiten über Vergangenheiten
Die Mühlen des Vergessens malen feinen Sand
In den Dünen findet man die Stadt nicht mehr

Drachen jagen heulend durch die Luft
Verspieltes Kreisen, Bann zweier Schnüre
Ängste treiben nachts ihr Zirkelspiel
Um Liebe geht es, um Verlust

Ein Dünengras treibt seine Büschel durch den Sand
Das Leben hält das Tote gegen den Wind
Zu Ewigkeiten reicht die Kraft
Ein Halm stirbt ab, die Wurzel bleibt

Dort hinterm Horizont am gleichen Meer, da liegt ein Wurzelland
Geschunden wurden Menschen noch und noch
Doch Zauber hats in Bäumen, Flüssen, Strand
Mein Herz ist schwer, leicht fließen nur die Worte

Heringsdorf, den 28. Aug. 1996

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Verdammte Schüttelbüchse

Zwanzigstes Jahrhundert, verdammte Schüttelbüchse, komm endlich zur Ruhe
Hast genug Schädel gespalten, genug Frauen in Schreie der Erniedrigung getrieben
Ströme von Tränen und Blut sind deinetwillen geflossen
Trümmerfelder, verwüstete Äcker, verbrannte Seelen säumen Deinen Weg
Fast jede Gewaltphantasie ist in Deiner Ägide Wirklichkeit geworden.

 Wir wissen jetzt, daß jede Schlechtigkeit menschlich ist
daß keine Sekunde auf diesem Globus vergeht, ohne daß irgendwo die Würde eines Menschen angetastet wird

 Und dennoch und gerade deshalb verleugnen wir weder die Demokratie noch den Sozialismus
Nicht weil der Mensch aus sich selbst gut ist, wollen wir die bessere Welt
Wir wollen sie, damit er Bedingungen bekommt, in denen er gut werden kann.

Seebad Heringsdorf, 18. August 1996

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Ich hör kein Herz

Ich hör kein Herz,
nur Aderrauschen der großen Stadt.
Die Nüsse ranzig, die Gäste laut,
doch herrlich schmeckt das bleiche Bier,
ein kühler Hauch liebkost mein Haar.

Sprich doch zu mir mein Herz!
Soll ich dem Ruhme ganz entsagen,
liegt im Bescheiden das größte Glück?
Noch nagt die Eitelkeit zu stark,
möcht doch zu gern noch einmal Großes wagen.

Am Himmel ziehen dünne Wolken.
Der nächste Tag wird leicht.
Mit biergefülltem Bauch will ich ins Bette sinken,
der Harlekin erwartet mich.
Ein Fernsehschirm erhellt die Nacht.

Wo ist der Held, der meinen Sorgen abhilft?
Vom starken Schlag träum ich, der Türen wieder öffnet.
Für übermorgen wünsch ich mir klaren Wein.
Gerechtigkeit ist rar, doch manchmal gibt es Zufälle.
Dem Teufel schwör ich keine Treue, geht's nicht mit Gott, ist's mir egal.

Die Dame im Plastikmantel hinkt davon.
Das Football-Ei macht wilde Sprünge.
Der dunkle Abend sinkt herab.
Die Ader pulst im alten Takt,
den Ministerialen zieht's hinweg.

Bruxelles, 28 Juin 1999 dans Le Grand Café, Boulevard Anspach

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Nachtblau der Morgen

Nachtblau der Morgen
unter sichligem Mond
doch hell schon schimmert der Rand des Himmels im Osten.

Kalt schneidet der Wind die blättrige Haut
weckt doch nicht die Lust auf einen Tag im Banne der Akten.

Im Spiegel sah ich faltige Tränensäcke meiner Mutter
denk im Gehen an Krebs und Koloskopie.

Nachtblau das Denken
depressiv im Dunkel des Winters.

Ich hoffe dem Hellen entgegen,
der Lust am Gelingen,
dem Leben des Tags.

Bonn, den 15. bis 17. Januar 2001

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Trafalgar Tavern Blues

Mein Kopf ist warm
Im Fenster schwankt ein Floß
Was denk ich bloß?

Ein Reisetag allein
Mein Ohr hört fremde Stimmen
Kann Trauer schwimmen?

 Espresso süß mit braunem Zucker
Der Null-Meridian ist mein nächstes Ziel
Was fordert jetzt mein Reisestil?

Ein Gespräch mit einer Frau
Vielleicht mit einem Mädchen
Wie einst auf der Treppe von La Defense?

 22. April 2001 Trafalgar Tavern in London/Greenwich

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