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Gleichberechtigung 2001

Bloß kein reiner Frauenladen

Ketzerische Anmerkungen eines Feministen zum Aufstieg und Fall der Emanzipationsbewegung / Von Bernd Warnat

 Die in den Siebzigern mühselig angeschobene Frauenförderpolitik hat eines erreicht: Den gesellschaftlichen Druck hin zu mehr Frauen-Gleichberechtigung und Ächtung des gröbsten Macho-Gehabes hat die Regierung Kohl nicht  aufhalten können. Dennoch ist - trotz Quote - vieles im Argen geblieben. Das Plädoyer für einen selbstbewussten Neo-Feminismus von Bernd Warnat, anno 1979 Referent im Bonner Familienministerium und heute Justiziar im  Bundesumweltministerium, erscheint in gekürzter Fassung in Gewerkschaftliche Monatshefte 5/2001.

I.

Eine junge Frau, die die ominöse Jahreszahl  1968 im Geburtsdatum trägt, klopft beherzt aus dem lila Gewand des altgewordenen Feminismus der zweiten deutschen Frauenbewegung eine dicke Staubwolke. Ein "Neo-Feminismus der Generation Berlin" soll mit einem  anderen Bewusstsein die alten Ziele besser erreichen. Und was wäre, bitte schön, dessen Programm?

1.Frauen weigern sich, sich als Opfer der Männerwelt zu fühlen.

2.Wir setzen weiter auf die Quote.

 3.Bei den Geschlechterrollen geht alles.

4.Machtchancen ergreifen, statt davor zurückzuzucken (= Zumutung Nr. 1).

5.Kein weiblicher Machiavellismus (= Zumutung Nr. 2).

Über diese Skizze einer Studentin enttäuscht  zu sein, wäre ungerecht. Das so zart keimende Pflänzchen eines neuen weiblichen politischen Bewusstseins verdiente eher einen Fruchtbarkeitstanz. Ich, ein Mann, der 1968 als 22-jähriger Student mittendrin im Getümmel  der Studentenbewegung war, wäre bereit, mitzutanzen, käme mir allerdings alleine blöd vor. Als Mittänzerinnen wünsche ich mir die Generation Alice Schwarzer/Rita Süssmuth/Eva Rühmkorf.

II.

Zur Hege  gefährdeter Pflänzchen gehört nach alter Gärtner- und Gärtnerinnenweisheit auch das "Besprechen". Ich möchte mich daran beteiligen, indem ich eine Geschichte erzähle.

Es war einmal ein deutscher  Bundeskanzler (Helmut Schmidt), der hatte im titanenhaften Kampf mit dem großen rechten Dämon der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte (Franz Josef Strauß) eine Bundestagswahl gewonnen. Das war ihm nur gelungen, weil  ihm viele weibliche Stimmen gegeben worden waren. Also wuchs der Druck, die immerhin vorhandenen Ansätze einer Frauenpolitik kräftig aufzumotzen. Der Frauenclub seiner Partei wollte dafür eine Operationsbasis möglichst  nah am Zentrum der Macht. Das Ziel war - von heute ausgesprochen - so eine Art Frauen-Staatsminister im Kanzleramt.

Da dieser Bundeskanzler zu einer älteren Politikerbauart gehörte, die nur gewohnt war, mit je einer  Vorzeigefrau in jedem Kränzchen umzugehen, waren ihm diese jüngeren Weiber seines Frauenclubs ein Graus. Die scheuten sich ja nicht - wenn auch langfristig -, die halbe Welt zu fordern. In seiner großen Weisheit  beauftragte er die damals einzige Frau in seinem Kabinett (Antje Huber), die übrigens auch nichts mit dem Frauenclub in ihrer Partei am Hut hatte, mit der Gründung eines Arbeitsstabes in ihrem Hause: "Sollen erst  mal arbeiten, die Frauen, dann sehen wir weiter!"

Verankert im machtlosesten aller Ministerien war dieses Nest weit genug weg vom Bundeskanzler. Es war sichergestellt, dass die darin sitzenden komischen Vögel ihm  nicht dauernd respektlos ins Ohr zwitschern konnten. In seine Regierungserklärung nahm dieser Bundeskanzler allerdings auf Betreiben des kleineren Koalitionspartners (der FDP - damals wehte noch ein wenig der Geist  eines Hermann Flach in dieser Partei und Hildegard Hamm-Brücher war noch nicht marginalisiert) die Formulierung auf: "Wir wollen prüfen, ob durch ein Antidiskriminierungsgesetz die Situation der Frauen verbessert  werden kann." Dieser ominöse Satz war manchen Kommentatoren so etwas wie der erste Riss in der Staumauer, der einen drohenden Dammbruch signalisiert. Andere Kommentatorinnen sahen darin eine typische  Ankündigungsbeschwichtigung - der Kanzler steht schon dafür ein, dass nichts passiert.

Die im Nebenjob zur Frauenministerin gewordene gestandene Ruhrgebietsdame mit Hund gab zur Gründung des Arbeitsstabes die durchaus  intelligente Devise aus: "Das darf aber kein reiner Frauenladen werden." Von zwölf Dienstposten sollten - deutlich unterparitätisch - drei mit Männern besetzt werden. Zwei Männer waren irgendwie schon da. Der  dritte wurde mit den anderen neu zu besetzenden Frauenposten ausgeschrieben.

So kam es, dass ich (siehe oben, inzwischen 33 und Oberregierungsrat) im Rahmen der Männerquote mich nur mit ca. 20 Mitbewerbern messen  musste, während die Frauenbewerbungen in die Hunderte gingen.

Ich hatte mich aus Neugierde beworben. Zwei Jahre lang hatte ich als der erste teilzeitarbeitende Mann in einem Bundesministerium die weibliche Perspektive  studiert. Wie fühlt man sich, wenn man sein Baby wickelt und dem Partner das Mittagessen kocht, während die Herren Kollegen an ihren Schreibtischen ernste Arbeiten erledigen?

Ich wurde allerdings nur genommen, nachdem  ich versprochen hatte, schnellstens die Teilzeitarbeit aufzugeben. Wer Teilzeit arbeitete, stand unter dem Generalverdacht, das Berufliche nicht ernst genug zu nehmen.

So kam es, dass ich für meinen Bundeskanzler zu  prüfen begann, ob durch ein Antidiskriminierungsgesetz . . . (s. o.).

Mitten in dieser Phase bekam ich von meiner Chefin, der Leiterin des Arbeitsstabes (Marlies Kutsch), den Auftrag, den Entwurf eines Aufsatzes zu  liefern, den sie dann für ihre Zwecke ausformulieren wollte. Der Aufsatz sollte in aus politik undzeitgeschichte , der Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, erscheinen.

Pflichtgemäß entwarf ich  einen listigen Artikel, der in den historisch berichtenden und analytischen Teilen kein Blatt vor den Mund nahm, der sich aber bei dem definitiv politisch Ankündigenden im Vagen hielt: Nach dem Motto: Alles offen, alles  geht . . . vielleicht.

Wir wollten doch nicht unsere Ministerin und unseren Bundeskanzler düpieren mit Ankündigungen, die sie und er keinesfalls umzusetzen gedachten.

Ich war schon sehr gespannt, wie  meine Leiterin meine Vorarbeit zu ihrem Artikel bewerten würde. Die Überraschung für mich als prospektivem Ghostwriter kam, als ich hörte, das wäre ja ein ganz schöner Aufsatz. Er würde aber so gar nicht zu ihr, der  älteren, frauenbewegten Gewerkschafterin passen. Die Entscheidung war dann, dass der Aufsatz unter meinem Namen erscheinen solle. (. . .). Wer den Text heute nachlesen will, findet ihn im Internet unter der Adresse: www.elbemaja-warnat.de/Gleichberechtigung1981.

Der Arbeitsstab führte dann eine große Anhörung zum Anti-Diskriminierungsgesetz durch (bei der ich Alice Schwarzer kennen lernte) und wir entwarfen auch ein solches genauso wie das  Ratifizierungsgesetz zu dem "Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau". (Bei der Unterzeichnung des Übereinkommens auf der Weltfrauenkonferenz 1980 in  Kopenhagen begegnete ich Eva Rühmkorf, der damaligen Leiterin der Gleichstellungsstelle in Hamburg.)

Der erstere Entwurf verschwand mit dem hinterhältig vom kleineren Koalitionspartner (s. o.) inszenierten Sturz  meines Bundeskanzlers in einer sehr tiefen Schublade und der zweitere führte zu meiner Versetzung von der Gleichberechtigung zum Giftrecht wegen ultrafeministischer Umtriebe (aber dies ist schon wieder eine andere  Geschichte).

Fakt ist allerdings, dass der dann folgende Bundeskanzler (Helmut Kohl) mit dem üblichen Übergewicht an Frauenwählerstimmen in dem nach dem konstruktiven Misstrauensvotum angesetzten Wahlen bestätigt und  ungesund lange im Amt gehalten wurde. Zwar war die jetzt auch im Ministeriumstitel als erste so heißende Frauenministerin des neuen Bundeskanzlers (Rita Süssmuth) eine wesentlich eindrucksvollere Verkörperung neuen  weiblichen Denkens, aber sie war so unerfahren im Politischen, und die Rahmenbedingungen der Macht waren so schlecht, dass sie noch Glück hatte, rechtzeitig Parlamentspräsidentin zu werden. Andernfalls wäre sie ebenso  schnell in der Versenkung verschwunden, wie alle ihre Nachfolgerinnen. Die einzige Ausnahme ist jene Dame (Angela Merkel), die jetzt als erste weibliche Parteiführerin in Deutschland gewissermaßen aus der politischen  Leiche ihres einstigen Förderers sprießt. (Das mit der ersten Parteiführerin stimmt eigentlich nicht, denn es gab - oder gibt? - eine Frauenpartei.)

Die Geschichte zum Thema Gleichberechtigung, die ich aus  "pflanzenhegerischer" Absicht erzählen wollte, ist gleich zu Ende.

Ungefähr zu der Zeit, als ich den Text schrieb, der dann unversehens gedruckt wurde, war ich auch Mitglied einer mit zwei Frauen und zwei  Männern (Irmgard Gilbert, Hanne Pollmann, Jochen Dieckmann und ich) besetzten Gleichstellungskommission des Bonner Unterbezirks der großen linken Volkspartei SPD. Wir legten unserem Parteitag einen Vorschlag zur  Einführung einer Quote bei der Besetzung von Parteiämtern vor. Es war eine herbe Enttäuschung für mich, dass der Vorschlag mit einer klaren Mehrheit verworfen wurde. Die führenden Frauen unserer Parteigliederung waren  mit der Aussage "in die Bütt" gegangen: "Wir brauchen so etwas nicht!"

So weit meine Geschichte.

III.

Ich freue mich, dass die große linke Volkspartei durch den Aufstieg einer kleineren  Partei irgendwie links von der Mitte doch noch zur Einführung der Quote umgestimmt werden konnte, dass die Quote ihre segensreiche Wirkung in Richtung auf die deutliche Erhöhung des Anteils weiblicher Politiker  entfaltet hat, und dass sogar der "Neo-Feminismus der Generation Berlin" nicht von der Quote lassen will.

Was allerdings immer noch fehlt, ist der erhoffte Umschlag von Quantität in Qualität durch die Quote.  Irgendwie haben es die männlichen Politiker neuerer Bauart geschafft, sich auf die neuen Verhältnisse mit vielen Frauen überall einzustellen. Wo richtig Macht und richtig Geld ist, dominiert nach wie vor das Männliche,  zuweilen perfekt verkörpert in einem Frauenleib.

Der Obersatz des "Neo-Feminismus der Generation Berlin", der jetzt alles besser machen will, lautet: "Heute geht es darum, . . . Gleichberechtigung  nicht nur zu fordern, sondern einfach zu leben."

Gegen diesen Satz erhebe ich Einspruch, weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass hier ein entscheidender Denkfehler liegt. Gleichberechtigung ist eine Bedingung  für ein Leben, in dem Menschen beiderlei Geschlechts nicht mehr auf schiefe Ebenen geraten, die sie in geschlechtstypische Lebensrollen einsortieren, obwohl anderes in ihnen steckt. Nicht Gleichberechtigung kann man  leben, sondern Tugend, Talent, Tatkraft. Und da es trotz aller Single-Manie immer noch weit verbreitet ist, zu zweit zusammenzuleben, gibt es noch das wichtige Ziel der ebenbürtigen Verwirklichung von Lebensentwürfen  und Träumen auch in einer engen Partnerschaft. Auch dafür ist Gleichberechtigung eine gute Voraussetzung, selbst wenn es seit jeher immer wieder Frauen gegeben hat, die auch ohne die formale Gleichberechtigung eine  bewundernswerte Lebensleistung vollbracht haben. Häufig waren solche Frauen ihren Partnern nicht nur ebenbürtig, sondern eindeutig überlegen. Gleichberechtigung soll - so unsere Hoffnung - mehr Frauen helfen, in diesem  Sinne erfolgreich zu sein. Dabei soll den Männern nicht der Gegenwert dieses Mehrerfolgs in einem Null-Summen-Spiel weggenommen werden. Wir Feministen waren doch immer davon überzeugt, dass die Männer im neuen Zeitalter  eine Welt dazugewinnen könnten: die Freuden des Lebens mit kleinen Kindern, die künstlerische Selbstentfaltung oder die Behaglichkeit selbstbestimmter Arbeit im eigenen Haus.

IV.

Blickt man von heute auf die  Situation am Beginn der 80er Jahre zurück und fragt sich, warum die zweite deutsche Frauenbewegung damals ihr Momentum verloren hat und nach und nach in eine Phase des Rückzugs ins Private und Sektenhafte übergegangen  ist, dann halte ich Vorwürfe an die damaligen Akteurinnen für unberechtigt.

Es lag nicht an den lila Latzhosen oder an der verinnerlichten Opferrolle gegenüber den Männern, dass es nicht zu einem breit angelegten  Antidiskriminierungs- oder besser noch Gleichstellungsgesetz gekommen ist. Es war eine Reihe von entschlossenen Männern, die in Deutschland bewusst eine politische Wende herbeiführten. Frauenpolitik oder  Gleichstellungspolitik spielte dabei allenfalls am Rande als möglicher Störfaktor eine Rolle. Die führenden Frauen in der FDP, der Partei, die die Wende herbeiführte, hatten zu wenig Macht und Einfluss, um den klug  eingefädelten Coup zu verhindern. Einige von ihnen verließen die kleine Partei, einige gingen bewusst ins innerparteiliche Abseits und einige arrangierten sich zum Teil widerwillig. Heraus kam bei alledem ein Umschlag  der politischen Großwetterlage ins Konservative.

Unter den neuen Bedingungen gelang als größeres politisch-gesetzgeberisches Projekt nur noch ein mühsam ausgehandelter parteienübergreifender Kompromiss zur Regelung  des Schwangerschaftsabbruchs. Bei diesen Gesetzesberatungen kam es zu der sehr seltenen Situation, dass sich die Frauen der verschiedenen Fraktionen im Bundestag untereinander näher standen, als jeweils den Männern in  den gleichen Fraktionen.

In meinem Aufsatz von 1981 hatte ich noch Spekulationen darüber angestellt, dass man das Tempo einer staatlich forcierten Gleichstellungspolitik über das optimale Maß hinaus steigern könnte.  Dass das Tempo in so kurzer Zeit auf null gedreht werden könnte, war mir nicht in den Sinn gekommen.

Aus heutiger Sicht frage ich aber, ob nicht der rechte Flügel der FDP und mit deren Hilfe Helmut Kohl und seine CDU  zusammen mit der Strauß-CSU nur deshalb mit ihrer konservativen Wende Erfolg gehabt haben, weil wichtige Teile der Facharbeiterschaft und Teile des Bürgertums sich von der sozialliberalen Koalition abgewandt hatten. Was  waren die Ursachen für diesen kurz nach der Bundestagswahl 1980 einsetzenden Erosionsprozess? War die drohende Forcierung der staatlichen Gleichstellungspolitik nicht auch ein Element des Ursachenbündels?

Heute wird  die Wirkung der Studentenrevolte von 1968 diskutiert. Die zweite deutsche Frauenbewegung war eine von deren Produkten. Plötzlich ging nach Jahren der Erstarrung im "CDU-Staat" der vom Staat induzierte  gesellschaftliche Wandel im westlichen Teil Deutschlands schneller. Helmut Schmidt trat dann heftig auf die Bremse, weil er ahnte, dass zu viele sich in ihrer Lebenssituation bedroht sahen.

Dass Kohl mit Genscher und  Graf Lambsdorff siegen konnte - 16 lange Jahre lang! -, zeigt, dass das angeschlagene höhere Tempo der siebziger Jahre keine Mehrheit hatte. Die Ära Kohl war die Rache für 1968. Kein Wunder, dass Kohls Enkelin Merkel  und Kohl Enkel Merz so viel Gefallen an Attacken auf Fischer und Trittin finden. (Fischer und Trittin sind zwar keine wirklichen 68er, weil sie damals allenfalls anpolitisiert in der großen Masse mitgeschwommen sind.  Aber die wirklichen Führer der Bewegung damals sind heute nicht in aktiven politischen Ämtern.)

Gleichzeitig lief aber selbst unter der Oberfläche der konservativen Wende der autonome - d. h. der nicht staatlich  induzierte - gesellschaftliche Veränderungsprozess unaufhaltsam weiter. Echt patriarchale Lebenseinstellungen, die vor 20 Jahren noch in normalen deutschen Arbeiterhaushalten und beim Hochadel die Regel waren, findet  man in Reinkultur heute nur noch in fundamentalistisch eingestellten Ausländerkreisen aus islamistischen Ländern. Natürlich gibt es noch häufig machistisches Verhalten, aber die Akteure wissen selbst, dass sie sich  nicht politisch korrekt verhalten.

Das dadurch verursachte schlechte Gewissen führt zu Kaschierungen. Gut getarnte und regelrecht versteckte Stellungen sind wesentlich schwerer anzugreifen als einst die  "Zitadellen des Patriarchats". Begonnen hat eine Art Häuserkampf gegen eine machistische Guerilla, die sich in Kellern und Schuppen festgesetzt hat. Es gibt keine Front mehr, an der die Kräfte konzentriert  werden können, Erfolgserlebnisse sind spärlich; es will keine Euphorie des Kampfes mehr aufkommen.

V.

Wer in dieser Situation versucht, sich das Unbehagen von der Seele zu schreiben, indem er nicht nur das  lila Gewand des altgewordenen Feminismus, sondern die darin nach wie vor befindlichen Damen durchklopft, macht einen schweren Fehler. Ich glaube nicht, dass irgendjemand nur aus Koketterie in die Opferrolle geschlüpft  ist; und das Herauskommen aus dieser Rolle ist niemals nur ein schlichter Willensakt. Dazu bedarf es gelegentlich eines mühsamen Weges der Selbstfindung. Wenn junge Frauen das heute nicht mehr brauchen: um so besser.

 Machtchancen beherzt ergreifen und keinen weiblichen Machiavellismus zulassen: Warum sollen das eigentlich Zumutungen sein? Ich wünsche Angela Merkel alles Gute. Ich fürchte nur, dass sie sehr schnell "weg vom  Fenster" ist, wenn sich die reale Chance zu einem Wahlsieg ihrer Partei abzeichnet. Wirkliche Aussicht auf einen durchschlagenden Erfolg einer Spitzenpolitikerin bestände erst dann, wenn nicht die "old  Boys" ihr in den Sattel geholfen hätten, sondern eine sichtbare Frauensolidarität. Zu nahe liegt die Vermutung, dass diese Berufung einer Frau nur deshalb erfolgte, weil die Herren selbst Angst davor hatten, sich  in dieser heiklen Situation die Finger oder gar sich selbst als reale Träger einer politischen Zukunft zu verbrennen.

Gleichberechtigung kann man nicht einfach nur "leben". Gleichberechtigung ist schwer  erkämpft worden, und das erreichte Niveau muss zäh mit Zähnen und Klauen verteidigt werden. Notwendig dazu ist Solidarität: Solidarität zwischen der selbst ernannten "Generation Berlin" und der  "Generation Schwarzer/Süssmuth/Rühmkorf" und Solidarität zwischen Frauen und den Männern, die wissen, was sie in einer Welt ohne die falschen "schiefen Ebenen" zu gewinnen haben und die versuchen,  danach zu leben.

Wer Gleichberechtigung nur "leben" will - das heißt mit anderen Worten ausgedrückt: wer Gleichberechtigung gleichsam nur passiv konsumieren will -, dem wird sie unversehens zu einer leeren  juristischen Floskel verdorren. Die Frauen, die die Gleichberechtigung nicht mehr solidarisch kämpfend verteidigen, werden Tugend, Talent und Tatkraft schnell verschlumpft haben. Ein solches Schicksal wünsche ich nicht  einmal der "Generation Berlin", selbst wenn ich mich immer wieder über deren Arroganz ärgere.

 

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